EGALPEZO – Sasha,Lilli & Lara.

An Exhibition at Galerie Sabine Knust, Knust&Kunz Gallery Editions, 2022 in Munich. Accompanied by the Book Presentation of ‘Sasha,Lilli,Lara’ published by Verlag Franz & Walther König and designed by Marie Artaker. Text by Mareike Nieberding.

Die Frauen sind bei sich. Das fällt als Erstes auf. Lara ist ganz bei sich, so wie Sasha, so wie Lilli. Die eine aus sportlichem Ehrgeiz, aufmerksam hält sie beim Fußballtraining mit ihren Blicken, ihrem Körper, ihrer Stimme das unsichtbare Netz aufrecht, das sich aus dem Miteinander mit ihren Teamkolleginnen auf dem Feld ergibt. Die andere, Sasha, aus Vorsicht, jede Ablenkung, jede Irritation könnte für sie auf dem Rücken ihrer Motocross-Maschine lebensgefährlich werden. Die dritte, Lilli, aus Lust an sich selbst und der eigenen Darstellung. Aber ist man überhaupt für sich? Wenn man spielt, mit anderen? Wenn man ein Rennen fährt, vor Publikum, auch um zu gewinnen? Wenn man für die Kamera einer anderen Frau posiert, auch wenn sie eine Freundin ist? Kann der Mensch je für sich sein, wenn er sich mit anderen zusammen oder vor anderen etwas tut? Und ist das für Menschen, die sich als Frauen identifizieren, möglicherweise sogar noch schwieriger als ohnehin schon? Weil sie von klein auf den patriarchalen Blick spüren, der nicht nur von Männern, sondern auch von Mädchen und Frauen ausgeht und zu selten frei ist von Kritik, Erwartungen, Ansprüchen an die weibliche Geschlechtlichkeit, die mal zu exponiert, mal zu wenig sichtbar ist und manchmal einfach nicht genehm ist. All diese Fragen stellt Hanna Putz nicht nur den Betrachtenden, sondern auch sich selbst, indem sie die drei Porträt-Strecken ‚Lara‘, ‚Sasha‘ und ‚Lilli‘ für ihre Bücher und die Ausstellung ‚Egalpezo’ (eo: Gleichgewicht) miteinander ins Gespräch bringt. Seitdem Putz hinter der Kamera steht, lotet sie immer wieder aufs Neue die Grundhaltung aus, die sie zum Bild der Frau einnimmt. Dazu gehört auch die gesellschaftspolitische Realität, in der Frauen in patriarchal geprägten Gesellschaften wie der deutschen, österreichischen, russischen, amerikanischen, wie in den meisten Gesellschaften auf dieser Welt, auch heute noch leben und lieben, arbeiten, Mütter werden, Sport machen, Siege feiern und sich eben im weitesten Sinne ins Bild setzen. Genauso wie der Gender Pay Gap, der Gender Health Gap, der Gender Care Gap, durchdringt die Benachteiligung von Frauen fast alle Bereiche des Lebens, Arbeitens, Liebens, ja des Seins. Vor diesem Hintergrund wirken Putz’ Porträtierte wie Positive zu einem Negativ, vor dem sich ihr Leben als Frauen auch abspielen kann. Motiv für Motiv nimmt die Fotografin Haltung ein und legt ihren Blick auf das Frausein an sich frei. Frausein, das beweisen Putz’ „zart-harte Heldinnen“, wie sie die von ihr fotografierten Frauen nennt, ist immer noch eine Frage des Gleichgewichthaltens. Die Strecken heißen wie die Frauen, die sie zeigen: Lara, Lilli und Sasha. Wir lernen nur ihre Vornamen kennen, den Teil ihrer Namen also, der sie als Individuen ausweist, losgelöst von ihren Väternamen, die Menschen auch immer in Beziehung setzen zu ihren Vorfahren und damit zur Vergangenheit. Vornamen sind dagegen die reine Gegenwart. Sie sind einer fortdauernden Aktualisierung unterworfen, immer gleich gültig verweisen sie stets auf ein Jetzt. Und so unterschiedlich diese drei ganz gegenwärtigen Frauen auf den ersten Blick sind – die eine Mitglied einer Zweitliga-Fußballmannschaft, oder besser gesagt einer Fußballfrauschaft in Wien, die andere Motocrossfahrerin in Jekaterinburg, die dritte Künstlerin aus Berlin – sie verbindet, dass sie Handelnde sind. Indem sie etwas tun, wofür sie brennen – und sei es für sich selbst – und natürlich durch die Art, in der Hanna Putz sie fotografiert hat. Sie hätte die Fußballerin Lara und die Motorradfahrerin Sasha ja auch aus ihrer Lebenswirklichkeit heraus und zum Beispiel ins Studio holen können. Dann wären sie immer noch die gleichen, Lara und Sasha, dieselben wären sie nicht. Und das ist Putz wichtig: „Seitdem ich fotografiere interessiere ich mich für Modi des Fotografierens, in denen ich nicht störe, die weniger invasiv sind“, erzählt sie. Für einige ihrer Bilder aus ihrem Buch Everything Else Is A Lie ist sie den von ihr Fotografierten stundenlang hinterhergelaufen, so auch diesmal in ihren Arbeiten ‚Lara’ und ‚Sasha’. Putz versucht sich während des Fotografierens so weit als möglich unsichtbar zu machen. Aber natürlich bleibt eine Kamera eine Kamera, fühlen Menschen sich beobachtet, kann niemand sich frei machen von der Energie des fremden Blicks und dem daraus resultierenden Austausch mit der fotografierenden Person. Wahrscheinlich kann kein Bild je authentisch sein, weil Authentizität nichts ist, was sich festhalten lässt. Putz weiß natürlich um das Dilemma ihres Mediums, doch statt es als Hindernis zu sehen, sich abhalten zu lassen, nimmt sie die Herausforderung an und lässt die Betrachtenden so einen Blick auf die Maske erhaschen, die laut Friedrich Nietzsche jeder Mensch zu seiner Identität erklärt. Aber diese Masken aufzuziehen, dazu haben Menschen eben weniger Chance, wenn sie dabei sind etwas zu tun, was sie lieben und worin sie besser werden wollen. Wie Fußballspielen oder Motorradfahren. Beides übrigens Tätigkeiten, die traditionell nicht unbedingt als weiblich gelesen werden, obwohl das für Lara und Sasha keine Rolle zu spielen scheint. Sie tun, was sie tun, weil sie gut darin sind. Nicht, um jemandem etwas zu beweisen. Ganz anders verhält es sich mit Lilli. Sie ist ganz auf Putz und ihre Kamera fokussiert, auf ihr doppeltes Gegenüber, das sie herausfordert, mit dem sie spielt, flirtet, tanzt, für das sie sich inszeniert, nackt, entspannt, mit Lackstiefeln, in Torerojacke, im Fitnessraum posed oder einfach inbrünstig lacht. Aber auch Lilli handelt im wahrsten Sinne selbstbewusst, indem sie ganz bewusst ein Bild von sich selbst präsentiert. Bilder von nackten Frauen gibt es seit die Menschheit sich ein Abbild von sich macht. Immer noch hängen in den Kunstmuseen dieser Welt weitaus mehr Bilder nackter Frauen als Bilder, die von Frauen gemalt wurden. Kein Bild einer nackten Frau kommt je ohne diesen Kontext aus, der immer auch den Versuch darstellt, der Macht der Frau durch den männlichen Blick Einhalt zu gebieten. Und wahrscheinlich haben sich fast alle Frauen, zumal die heterosexuellen, schon mal gefragt, wie viel ihres Benehmens, ihrer Bewegungen, ja, ihres Seins eigentlich aus Rücksicht auf, in Beziehung zu oder in der Hoffnung auf die Anerkennung durch einen Mann entstehen. Wie vielen Frauen ist das Performen von Weiblichkeit wahrscheinlich auch Lilli in Mark und Bein übergegangen. Und sie scheint es auch nicht rundheraus abzulehnen, sie kreist es vielmehr ein, karikiert es, manchmal scheint sie es gar auszulachen, auf jeden Fall aber herzlich über sich selbst zu lachen. So wird der kunstgeschichtliche Kontext, der gerade noch eine Bürde hätte sein können, zur Bühne. Und das nicht zufällig in den Weiten eines Ateliers vor weißen Leinwänden. Denn was könnte die mitunter gefährliche Herausforderung eines Neuanfangs mehr symbolisieren als eine weiße Leinwand? Und so wie Sasha ihren Lederanzug und ihren Helm und Lara ihr Trikot als Masken nutzen, die ihr Sein nicht verdecken, sondern in Aktion erst hervorheben, so scheint auch Lilli mit verschiedenen Versionen ihrer selbst zu spielen. Ihre Masken sind ihre spärlichen, aber ausdrucksstarken Outfits genauso wie die Abwesenheit derer. Und natürlich liegt auch eine Erotik in diesen Bildern. Wie könnte es anders sein, wenn sich eine schöne Frau nackt vor einer Kamera zeigt? Aber diese Erotik zwischen zwei Freundinnen kommt ganz ohne Machtgefälle aus, weil die Fotos eben nicht „Andy, Joe oder Mike“ gemacht haben, wie Putz sagt. Breitbeinig ist hier nur Lilli selbst und das setzt eine unglaubliche Kraft frei. Von der Surrealistin Meret Oppenheimer gibt es eine Maske, sie besteht aus einer Art Netz, mit zwei gläsernen Halbkugeln als Augen und einem Messingknauf als Nase, heraus hängt eine orangefarbene Zunge, auf die mit Filzstift das Wort „Bäh“ geschrieben wurde. An dieser Maske hängt eine Kordel, als könnte man sie anknipsen, wie eine Lampe. Auf manchen Bildern scheint es, als trüge Lilli eben diese Oppenheimer-Maske und streckte nicht nur den Betrachtenden genussvoll die Zunge heraus, sondern in gewisser Weise auch sich selbst als Frau. Aber wann sie sich an- und ausknipst, das entscheidet nur sie allein. Denn wenn eine Maske fällt, erscheint immer nur eine weitere. Darin steckt eine der vielen Wahrheiten dieser Bilder, dass Putz sich darauf eingelassen hat, diese drei Frauen so zu zeigen, wie sie gesehen werden wollen: im Handeln begriffen, tätig, aktiv. Und so erzählt Hanna Putz mit ihren Bildern von Lara, Lilli und Sasha natürlich nicht nur etwas über diese Frauen oder das Frausein an sich, sondern auch über sich selbst, als Frau, Freundin, Fotografin, als Mensch.     Mareike Nieberding on ‘Sasha,Lilli,Lara’, 2022